Klima und Rehe stressen den Wald

Die Förster wappnen ihre Wälder für die Zukunft. Die Klimaerwärmung werde zu einem neuen Waldbild führen, sagen Förster wie der Bachser Roland Steiner. Fichte und Buche werden verschwinden, Tanne und Eiche werden gedeihen – wenn das Wild es zulässt.

Heisse Sommermonate sind vorbei. Dabei war es nur ein Sommer in einer Reihe von überdurchschnittlich warmen Sommern. Gemäss Klimaforschern wird dies so bleiben mit Tendenz auf noch höheren Temperaturen. Während sich der Mensch abkühlen und genug Flüssigkeit zu sich nehmen kann, sind Bäume auf Gedeih und Verderb an ihren Standort gebunden. Manche Baumarten kommen mit der Trockenheit besser klar als andere.

Die Fichte (auch Rottanne genannt) leidet besonders stark unter der Trockenheit, da ihr flaches Wurzelsystem nicht tief in den Boden greift und daher schnell einmal von der Wasser- und Nährstoffzufuhr abgeschnitten ist. Der geschwächte Nadelbaum wird in der Folge von Schädlingen wie dem Borkenkäfer oder Pilzen wie dem Hallimasch befallen und stirbt bald einmal ab. Auch die Buche, der häufigste Laubbaum im Zürcher Unterland, leidet unter der Trockenheit.

«Wir Förster müssen immer langfristig planen.»Roland Steiner, Förster Revier Egg-Ost-Stadlerberg

Die Fichte gilt immer noch als der «Brotbaum des Waldbesitzers». Dies deshalb, weil die Rottanne schnell und schnurgerade wächst und bereits nach 80 Jahren geerntet werden kann (Eiche erst nach 150 Jahren). Ihr Holz ist relativ leicht, maschinell gut bearbeitbar und stellt ein gutes Baumaterial dar. Kurz: Die Fichte ist der Wirtschaftsbaum.

Heute schauen, was in 100 Jahren sein wird

«Wir Förster müssen immer langfristig planen», sagt Roland Steiner, Förster des Reviers Egg-Ost-Stadlerberg. Und in 100 Jahren werde es kaum noch Fichten und bedeutend weniger Buchen in dieser Gegend geben. Steiners Revier umfasst die Wälder der Gemeinden Bachs, Neerach, Stadel und Steinmaur. Die Waldfläche des Reviers misst 1050 Hektaren. Weit mehr als die Hälfte davon – nämlich 630 Hektaren – sind im Besitz von rund 310 Privaten.

Dass es aufgrund der klimatischen Entwicklung zu Veränderungen im Wald kommt, hat auch Ulrich Derrer festgestellt, Förster des Reviers Niederweningen-Schleinikon-Niederhasli. Dieses umfasst 770 Hektaren, wobei 220 Hektaren im Privatbesitz sind. «Es gibt bereits sichtbare Veränderungen: An Standorten mit geringem Humusgehalt im Boden nehmen die Baumbestände und die Baumartenvielfalt ab, der Wald wird lichter», sagt Derrer. «Auch verfärbt sich das Laub an diesen Orten früher, und das wird so weitergehen.»

Viel robuster gegen Trockenheit und Hitze sind Tanne (auch Weisstanne genannt) und Eiche. «Ihre Pfahlwurzeln holen die Nahrung tiefer aus dem Boden als Buche und Fichte. Sie sind deshalb die Baumarten der Zukunft und die Hoffnungsträger der Förster. «Experten gehen davon aus, dass in 100 Jahren die Temperatur um durchschnittlich 2 bis 4 Grad angestiegen sein wird», sagt Steiner. Deshalb würden sie Tanne und Eiche fördern.

Also ist die Zukunft des Waldes gesichert, könnte man meinen. «Nein», sagen die Förster, denn unglücklicherweise würden die Knospen junger Tannen und Eichen weit oben auf dem Speiseplan von Rehen, Gämsen und Hirschen stehen. Die angefressenen Bäumchen sterben ab und die Naturverjüngung kann nicht – wie im Waldgesetz vorgeschrieben – stattfinden. Teure Schutzmassnahmen sind die Folge.

Wildbestand dem Lebensraum anpassen

Noch sind Gams und Hirsch im Zürcher Unterland kaum ein Problem: Gämsen kommen nur vereinzelt auf der Lägeren, der Egg und im Bachsertal vor. Neu ist aber, dass die Bachser Gämsen erstmals Nachwuchs haben. Der Bestand von jetzt sechs Tieren könnte also kontinuierlich wachsen.

Der Rothirsch ist auf dem Vormarsch und dürfte in nicht allzu langer Ferne auch ins Zürcher Unterland vordringen. In der laufenden Bündner Jagdsaison sollten 5370 Rothirsche zur Strecke gebracht werden. Die Abschussvorgabe wird aber üblicherweise in der ordentlichen Septemberjagd nicht erreicht – umstrittene Sonderjagden sind nötig.

Im Zürcher Unterland liegen den Förstern jedoch die Rehe auf dem Magen. Dies nicht, weil sie schlecht zubereitet wurden, sondern weil zu viele von ihnen noch munter im Wald herumlaufen, zarte Knospen abfressen und die Rinde von jungen Bäumchen wegfegen oder wegschlagen. Seit über 20 Jahren halte die kantonale Fischerei- und Jagdverwaltung den Rehbestand gleich hoch, sagt Steiner. Und das ungeachtet der Tatsache, dass die Wohnbevölkerung im Kanton jährlich um bis zu 30 000 Menschen zunehme. Der Druck auf das Wild und somit auch auf den Wald werde so immer grösser.

Der Druck stamme von all den vielen Besuchern, die die Wälder und ihre Umgebung beanspruchen würden, sagt Förster Derrer. Dieser vermehrte Konsum des Waldes scheuche die Rehe immer wieder auf, wodurch diese ihren erhöhten Energiebedarf mit noch mehr Verbiss an Bäumchen decken müssten. «Der Wildbestand muss daher dem Biotop Wald angepasst werden», sagt Derrer. Das Reh war ursprünglich ein tagaktives Feldtier. Die Störungen durch Menschen machten es zu einem nachtaktiven Waldtier.

Die Förster haben durch Erhebungen festgestellt, dass die Verbissschäden über die letzten 13 Jahre tendenziell zugenommen haben. Roland Steiner geht von einem Rehbestand von etwa 24 Tieren pro 100 Hektaren Wald aus. In Deutschland belaufe sich der Bestand aufgrund stärkerer Bejagung auf lediglich 15 Rehe oder weniger pro 100 Waldhektaren.

Jagdverwaltung relativiert Reh-Alarm

«Die Aussage, es habe zu viele Rehe im Wald, ist doch sehr plakativ und eine einseitige Sicht der Dinge», sagt Urs J. Philipp, der Leiter der Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich (FJV). Die Zahl von 24 Rehen pro 100 Waldhektaren kann Philipp nicht bestätigen. Der Rehbestand im Kanton Zürich belaufe sich auf 10 200 bis 10 900 Tiere. Diese Zahl variiere von Jahr zu Jahr, da die Witterung im Frühling einen grossen Einfluss auf die Geburtenrate der Rehe habe.

Die gesamte jagdbare Fläche des Kantons betrage 95 000 Hektaren, sagt Philipp. Der durchschnittliche Rehbestand pro 100 Hektaren belaufe sich auf 11,5 Tiere. Dies entspreche dem durchschnittlichen Rehvorkommen im Schweizer Mittelland. Rechne man die Zahl nur auf die 46 000 Hektaren Wald im Kanton herunter, ergebe sich ein Rehbestand von rund 23. Diese Zahl sage jedoch nur bedingt etwas aus, da nicht alle Rehe im Wald leben und die Rehvorkommen regional und je nach Lebensraumkapazität stark variieren würden, sagt Urs Philipp. Ein gut strukturierter Wald habe auch ein viel grösseres Potenzial für Rehe. Und gesunde, den Lebensräumen angepasste Wildtierbestände hätten ebenso eine Daseinsberechtigung wie etwa eine Spechtart.

«Treten punktuell Verbissprobleme auf, muss die Situation geprüft und diskutiert werden. Danach können jagdliche und forstliche Massnahmen ergriffen werden», erklärt der Leiter der kantonalen Jagdverwaltung.

Ein Jagdverbot und ein neues Jagdgesetz

Im Kanton Zürich gibt es circa 1200 Jäger. Jährlich erlegen diese rund 4500 Rehe. Damit soll Schluss sein, wenn es nach dem Willen eines Komitees geht, das die Initiative «Wildhüter statt Jäger» lanciert hat. Die Jagd soll verboten werden, das Wild sich selbst regulieren. In Problemfällen sollen staatlich angestellte Wildhüter eingreifen.

Dass sich die Wildpopulationen selbst regulieren werden, glaubt der Schleiniker Förster Ulrich Derrer nicht. Er ist auch Pächter in der Jagdgesellschaft Niederhasli. «Die Wildprobleme werden grösser, wenn die Jagd verboten wird», ist Derrer überzeugt. «Die Wildbestände werden zunehmen und somit auch das Fallwild.» Als Fallwild werden jene Wildtiere bezeichnet, die Opfer von Strasse, Bahn, Krankheiten usw. werden. «Insbesondere können angefahrene und verletzt flüchtende Wildschweine zu einer ernsten Gefahr für Menschen werden», sagt der Jäger.

Die Initiative würde gemäss Ulrich Derrer nur funktionieren, wenn man den Faktor Mensch im Lebensraum des Wilds reduzieren könnte. Die Initiative, die bei einer Annahme den Steuerzahler «einen Haufen Geld kostet», werde auch die Waldprobleme nicht lösen.

Andrer Meinung ist der Bachser Förster Roland Steiner, der Mitglied in einer Schaffhauser Jagdgesellschaft ist. «Es ist erwiesen, dass die Rehe sich weniger reproduzieren, wenn sie nicht bejagt werden», sagt Steiner. Dies sei im Zürcher Unterland aber kaum zu erwarten.

«Heute ist es so, dass die Abschusspläne allein von der jagdlichen Seite festgelegt werden», sagt Steiner. «Nicht die Wildzählung, sondern der Waldzustand soll den Abschuss bestimmen», fordert Roland Steiner.

Zentralistisches Jagdgesetz

Vor zwei Monaten ist die Vernehmlassungsfrist zur Totalrevision des Zürcher Jagdgesetzes abgelaufen. Die Entschlackung der Pargraphenflut wird begrüsst. Klar abgelehnt wird jedoch die vorgesehene Änderung der Pachtvergabe. Diese soll den Gemeinden entzogen und auf die Jagdverwaltung unter Regierungspräsident und Jäger Markus Kägi, Niederglatt, übertragen werden.

Das neue Jagdgesetz sei in der Vernehmlassung vom Gemeindepräsidentenverband, vom Waldwirtschftsverband und vom Försterverband kritisiert worden, sagt Derrer. Das zentralistische Ansinnen des Gesetzes wird – unter anderem – auch von JagdZürich, dem Verband der Zürcher Jäger, entschieden abgelehnt. cy

Quelle: https://www.zuonline.ch/front/klima-und-rehe-stressen-den-wald/story/26860280