Verräterische Jägersprache

Nun verraten Verhalten und Sprache der Jäger noch mehr über das Sinngemässe und die «Werktätigkeit» beim Töten. Jede Sprache hat nicht nur die Eigenschaft, die Dinge in Begriffe zu fassen und ihr Wesen zu erhellen, sie kann sie durch Sinnverkehrung auch verdunkeln. So «erschiesst» der Jäger das Wild eigentlich nicht, er nennt sein Tun «das Wild erlegen» und versucht damit, den Akt des Tötens zu verdeuten. Durch Verdrängung wird das Opfer verbal «hingelegt» und damit das gewalttätige Sterben bildlich als ein Akt gnädigen «Ausruhns» hingestellt. Gleichzeitig spricht der Jäger zynisch und sophistisch vom «Schwitzen» des Opfers, womit er das tatsächliche «Verbluten» gänzlich verkleidet und als harmlosen Vorgang darstellt. Das «erlegte» Wild erhält sodann die Bezeichnung «Stück», dem man als «letzte Mahlzeit» symbolisch noch einen Zweig zwischen die Kiefer zwängt. Die erniedrigende und abschätzige Ware «Stück» mag einiges verdeutlichen von dem, was in den schiesswütigen Köpfen geschieht. Zur Entschuldigung seiner Gesinnung benützt der Jäger eine Sprache, welche das Ereignis der todbringenden Handlung zu einem kalten Akt der Liquidation von belanglosen Gegenständen reduziert, zu dem in Wirklichkeit eine Beziehung des affektiven Zwangs der lustbetonten Tötung besteht. Dass das «Verbluten» im Licht einesscheinheiligen «Schweissausbruchs» der Hypokrisie bedarf, deutet darauf hin, dass man in der Ahnung vom «gottlosen Töten» doch in eine Art Gewissensnot gerät, die man verbal auszuglätten versucht.

Feigheit und Verschlagenheit

Hinzu kommt, dass der Jäger beim Töten auch ein grosses Mass an Feigheit und Verschlagenheit beweist. Er wirkt aus der «Deckung» heraus, versteckt sich hinterhältig «im Hinterhalt» und «überlistet» so das ahnungslose, der Schusswaffegegenüber «hilf- und arglose» Wild. Die «Grünröcke» benützen nicht nur die natürlichen Objekte zur Tarnung, sie leihen sich von der Natur auch die Schutzfarbe Grün, um das Wild damit zu täuschen. Das «Heranschleichen» des Jägers, das «Anpirschen» des Opfers aus sicherem Versteck erinnert an die Verhaltensweisen von Dieben, die ihre Identität aus Gründen der Verheimlichung verbergen müssen. Das «Auflauern» ist ein Verhalten, bei welchem das Vorhaben tückisch und überraschend mit den Mitteln der Überrumpelung und des Erschreckens umgesetzt wird. Das Wild selbst wird am Ort des Geschehens, meist auf Nahrungssuche oder beim Ruhen im Schutz der Natur, geräuschlos und nichts ahnend durch den plötzlichen Knall, der die Stille zerreisst und den Tod sät, jählings und meuchlerisch «erlegt», also niedergemacht. Die materielle Überlegenheit des Jägers ist heute in allen technischen Belangen gegenüber dem «Wild» derart krass, dass man bei diesem Missverhältnis zwischen Täter und dem arglosen Opfer nur Abscheu empfinden kann. Die Jagd ist ein barbarischer Rückfall in frühere Entwicklungsstufen, die im primitiven und nicht entwickelten Denken ihre Wurzeln haben. Jagen ist ein Anachronismus, da heute die Beschaffung von Nahrung problemlos ist. Auch die affektive Lustbefriedigung mit ihrem sadistischen Einschlag ist ein primitives Relikt. Der Jäger demonstriert Überlegenheit, Tötungsdrang, Macht, Gewalt, wobei er seine Handlungsweise immer wieder zu rechtfertigen versucht. «Hege und Pflege» sind seine abgedroschenen Ausflüchte, da es in Tat und Wahrheit nur um die Erhaltung und Garantierung von Jagdbeute geht und so der Zweck die Mittel heiligen muss. Das Wild wird (durch den gewalttätigen Rivalen Mensch) seines natürlichen Lebensraums beraubt. Zum Überleben müssen vor allem Raubtiere jagen, was erbbiologisch angemessen ist. Jagt aber der Mensch, dann bekennt er sich zu einer fossilen Raubtiermentalität und zu einem degenerierten Pseudokult niederster Güte. Die Grünröcke stammen aus allen Kreisen der Bevölkerung, da die «tötende» Gesinnung an keine Standesnormen gebunden ist.

Keine Ehrfurchtvor allem Leben

Was der grosse Humanist Erasmus von Rotterdam vor 500 Jahren über die «schiesswütigen Jäger», «denen nichts über die Tierhetze geht», niedergeschrieben hat, beweist den hartnäckigen Bestand des Speziesismus als spezifische Art des Rassismus, mit dem der Primitivmensch einen Trennstrich zwischen den Geschöpfen der gemeinsamen Herkunft und den Menschen ziehen möchte. Goethe hat den entscheidenden Satz geprägt: «Die Erbtugend des Menschen ist die Ehrfurcht vor allem Leben. Träte sie wie ein Wunder in allen Menschen augenblicklich hervor, sie würde die Erde von allen Übeln heilen, an denen sie gegenwärtig und vielleicht unheilbar krank liegt.» Goethe wollte zum Ausdruck bringen, dass diese Erbtugend nur für die «wahren Menschen» gelten könne, und so lange es diese nicht gibt, werde es auch keine Heilung für die Welt geben, die «vielleicht für immer krank liege». Wer tötet, legt Zeugnis ab von dem, was Erasmus ausgesprochen hat: «Von der Entartung des Menschen durch die Jagd.» Von dem «aus der Art des Menschen Geratenen». Und vom Verlust der humanen Gesinnung des Menschen als «Humanist». Der Philosoph Porphyrios aus Thyros, ein edler Humanist, sagte: «Wer sein wohlwollendes Betragen nicht nur auf die Menschen beschränkt, sondern auf die Tiere ausdehnt, nähert sich der göttlichen Schöpfung am meisten. Und wäre es möglich, es auch auf die Pflanzen zu erstrecken, so träfe dies noch mehr zu.»

Hemmungslose Triebwelt

Über den Menschen, der das Blut fremden Lebens vergiesst, sagte Heraklit, der grosse Vordenker der Antike: «Zu reinigen suchen sich vergeblich, die mit Blut sich besudelt haben, wie wenn einer, der in den Schmutz getreten ist, mit Schmutz sich reinigen wollte. Wahnsinnig sei er, würde einer der Menschen denken, wenn er ihm zuschaute bei solchem Tun.» Im Wesen und der Gesinnung der Menschheit besteht scheinbar eine unüberwindliche Kluft der «Gegensätzlichkeit» (Heraklit) in allen Dingen, vor allem aber Gier, Hass und Wahn, die drei Säulen der hemmungslosen Triebwelt. In seiner inneren Zerstrittenheit hat der Mensch die Ehrfurcht vor dem Leben missachtet und in Jahrtausenden das Leben unserer Brüder und Schwestern aus der gemeinsamen Natur gewalttätig und gnadenlos als Gebrauchsgegenstände ausgebeutet, missbraucht und hingemordet. Das «kleine Leben», dem der Geist des Humanismus fehlt, spiegelt sich auch im Wesen der «tötenden Gesinnung» der Jagd auf die Tiere wider. Doch die «kleinen Nimrode» können sich nicht der irrigen Einbildung hingeben, dass ihre Werktätigkeit des Tötens und Hinrichtens dem rächenden und moralisch vernichtenden Urteil der Weltgeschichte entkommt.

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