Im Umfeld von Jäger und Behörden beruht vieles auf Annahme und nicht auf Wissen.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass selbst bei einem Abschuss von drei Vierteln eines Bestands im nächsten Jahr wieder die gleiche Zahl an Tieren da ist. Und so verhält es sich beispielsweise auch mit dem Fuchs. Je stärker Füchse also bejagt werden, desto mehr Nachwuchs gibt es.

Die schweizerische Tollwutzentrale folgert daher, dass eine jagdliche Reduktion von Fuchspopulationen offensichtlich nicht möglich und die Jagd zur Tollwutbekämpfung sogar kontraproduktiv sei. Wie wir heute wissen, konnten erst tierfreundliche Impfköder dieTollwut besiegen – sie gilt heute in der Schweiz und in weiten Teilen Europas als ausgerottet.

Laut Tierschutzgesetz (Art. 26 TSchG) muss ein “vernünftiger Grund” für das Töten eines Tieres vorliegen – bei der Jagd auf Füchse handelt es sich jedoch lediglich um die Befriedigung eines blutigen Hobbys. Für Füchse gibt es keine rechtliche Abschussplanung. Die Tiere dienen den Jägern als lebendige Zielscheibe, denn es besteht weder aus wild biologischer noch aus gesundheitlicher Sicht ein Grund für die massenhafte Bejagung der Beutegreifer.

Es gibt weitaus mehr Zoonosen bei Heimtieren und Nutztieren. In der Regel stecken sich nur Jäger mit einer Zoonose wie dem Fuchsbandwurm an. Etwa 10-20 Personen infizieren sich in der Schweiz pro Jahr mit dieser Leberkrankheit (Echinococcus multilocularis). Dies ist nicht mehr als früher, wo man weniger Füchse in den Städten vorfand. Das Immunsystem der meisten Menschen ist stark genug, um eine Infektion abzuwehren. In der Regel bilden sich die Larven des Fuchsbandwurms in der Leber von Mäusen und einigen Ratten. Frisst ein Fuchs die befallene Maus, entwickelt sich in seinem Darm wieder ein Bandwurm. Auch Katzen und Hunde, die Mäuse fressen, können so den Parasiten verbreiten, erkranken selbst aber nicht.

Das Infektionsrisiko ist für normale Waldbesucher minimal. Entgegen der vielen Gerüchte ist von keinem Fuchsbandwurm-Patienten bekannt, dass er oder sie sich durch Waldbeeren angesteckt hätte. Beeren, die hoch am Strauch hängen, scheiden als Infektionsweg aus. Es ist schwer vorstellbar, wie etwa Fuchskot an hoch hängende Beeren gelangen soll.

(Doch der Parasit kann in besonders exponierten Gebieten mit Ködern für Füchse deutlich dezimiert werden. Die bisher getestete Methode zur Entwurmung von Füchsen ist allerdings sehr aufwändig. Deshalb wird nun im Raum Zürich geprüft, ob auch eine sparsame Entwurmungs-Methode effektiv sein kann. Diese vom Bundesamt für Veterinärwesen finanzierte und von der Stadt Zürich unterstützte Studie dient als Grundlage, um künftig über mögliche Massnahmen zur Bekämpfung des Fuchsbandwurms zu entscheiden. UZH-Parasitologie Zürich)

Auch in der Vergangenheit flackerte die Räude und Staupe lokal immer wieder auf und erlosch dann von selbst wieder. Vor allem dort, wo die Räude besonders stark um sich gegriffen hat, scheinen die Füchse eine zunehmende Resistenz gegen Neuinfektionen zu entwickeln. Da die Jagd den eigentlich gegebenen Überlebensvorteil für Räude resistente Füchse jedoch zunichte macht (ein Jäger sieht einem Fuchs seine Räude Resistenz schließlich nicht an), dürfte das Töten von Füchsen auch in dieser Hinsicht kontraproduktiv sein. Übrigens hat man bei der Staupe festgestellt, dass Wildtiere bereits Antikörper gebildet haben und die Gefahr somit marginal ist.

Räudemilben können sich in menschlicher Haut nicht weiterentwickeln und sterben ab. Eine Infektion mit der Räude (beispielsweise durch Kontakt mit infizierten Haustieren) ist daher nicht möglich. Allerdings kann Sarcoptes scabiei den Menschen befallen und eine kurzzeitige Erkrankung mit Juckreiz und kleinen Papeln auslösen. Diese sogenannte Pseudokrätze heilt auch ohne Behandlung nach wenigen Tagen ab.

Die Jagdverbände propagieren angesichts des Auftretens von Fuchsräude einmal intensivere Fuchsbejagung als Allheilmittel zur Bekämpfung der Infektionen. Ähnlich wie bei Tollwut und Fuchsbandwurm gibt es jedoch keinen wissenschaftlichen Anhaltspunkt, warum noch erbarmungslosere Fuchsjagd die Ausbreitung von Zoonosen eindämmen soll – immerhin hat die Vergangenheit gezeigt, dass die Reduktion der Fuchsdichte mit jagdlichen Mitteln nicht möglich ist. Zudem fördert die Bejagung Wanderbewegungen in Fuchspopulationen, wodurch die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Erkrankung – ähnlich, wie es für die Tollwut nachgewiesen ist und für den Fuchsbandwurm vermutet wird – eher steigen als sinken dürfte. Aber vielleicht ist das von den Jägern ja so gewollt, damit sie Ihrem  Hobby weiterhin nachgehen können.

Eine Studie im Feldversuch um Nancy über drei Jahre belegt, dass durch die Bejagung des Fuchses weder die Fuchspopulation fällt, noch der Befall der Füchse mit dem Fuchsbandwurm vermindert wird. Die Verbreitung wird eher begünstigt. Auch bei der Tollwut war die Bejagung keine Lösung.

Der Fuchs als Mäusefresser (der Fuchs ersetzt so das Mäusegift) verhindert zudem das Ausbreiten von Krankheiten wie den Hanta-Virus oder Borreliose. So leben zum Beispiel im Stadtgebiet von Zürich rund 1’000 Füchse. Probleme mit der Hygiene gibt es dort keine, weil einfache Massnahmen wie Händewaschen ausreichen um sich zu schützen.

Der Fuchs und die Populationsdynamik

Durch die Fuchsjagd kann die Fuchdichte in der Fläche nicht reduziert werden, weil Verluste durch einwandernde Tiere sowie steigende Geburtensraten ausgeglichen werden. Werden Füchse nicht bejagt, steigt die Populationsdichte in der Regel nicht an, weil Füchse bei hohen Dichten in sozialen Gruppen zusammenleben, in denen nur die dominante Füchsin Nachwuchs bekommt (“Geburtenbeschränkung statt Massenelend”). Offensichtlich hindern soziale sowie hormonelle Faktoren die anderen Füchsinnen in einer solchen Gruppe daran, selber Nachwuchs zu bekommen.

In Luxemburg wurde in diesen Tagen das seit 2015 bestehende Fuchsjagdverbot um ein weiteres Jahr verlängert. Der kleine Staat kann damit als großes Vorbild für Europa dienen: Statt sich einseitig den Abschussinteressen der Jägerlobby unterzuordnen, setzt die luxemburgische Regierung darauf, Belange von Natur- und Tierschutz bei der Jagdgesetzgebung angemessener zu berücksichtigen. Die Botschaft: Auch Wildtiere brauchen Schutz vor ungerechtfertigten Nachstellungen.

Als das Jagdverbot auf Meister Reineke im letzten Jahr verkündet wurde, war der Protest des luxemburgischen Jagdverbands FSHCL massiv. Man startete Petitionen, zog vor Gericht, machte in der Presse publizistisch Hatz auf den Fuchs und die für das Jagdverbot verantwortlichen Politiker, allen voran den grünen Staatssekretär Camille Gira als Initiator der Regelung.

In öffentlichen Stellungnahmen malte der FSHCL Schreckensszenarien ausufernder Fuchsbestände und um sich greifender Wildseuchen an die Wand. Dabei ist wissenschaftlich gut belegt, dass der Fuchsbestand sich weitestgehend unabhängig von jagdlichen Beeinflussungsversuchen entwickelt, weil intensive Bejagung die Fortpflanzungsraten in die Höhe schnellen lässt. Aus demselben Grund ist die Jagd auch zur Eindämmung von Tollwut oder Fuchsbandwurm ungeeignet – vieles deutet sogar darauf hin, dass diese sich bei hohem Jagddruck schneller ausbreiten können.

Trotz Protesten des Jagdverbands: Jagdverbot verlängert  Trotz der massiven Beeinflussungsversuche durch den Jagdverband setzten sich die Stimmen der Vernunft in der luxemburgischen Regierung durch. Ende Januar 2016 entschied sie, das Fuchsjagdverbot um zunächst ein weiteres Jahr zu verlängern.

Zuvor war ein Jahr nach dem Inkrafttreten des Fuchsjagdverbots vor den Abgeordneten der zuständigen Parlamentsausschüsse eine Bilanz gezogen worden: Laut Natur- und Forstverwaltung seien nach der Einführung des Fuchsjagdverbots keine wesentlichen Probleme festgestellt worden. Auch der Vertreter des Gesundheitsministeriums hatte nichts zu bemängeln.

Um eventuelle Auswirkungen des Jagdverbots zu analysieren, wurde eine Expertengruppe eingesetzt, die aus Vertretern der Ministerien für Gesundheit, Landwirtschaft und Nachhaltigkeit besteht. Sie soll eventuelle landwirtschaftliche Schäden durch Füchse bewerten und den Gesundheitszustand der Fuchspopulation überwachen.

Keine „Massenvermehrung“ in jagdfreien Gebieten

Ein Blick auf langjährig fuchsjagdfreie Gebiete zeigt dabei, dass das Jagdverbot auch weiterhin keineswegs das vielzitierte ökologische Gleichgewicht aus den Angeln heben wird. Ob in den Dünengebieten Nordhollands, dem jagdfreien Schweizer Kanton Genf, Nationalparks wie Berchtesgaden und Bayerischer Wald, oder fuchsjagdfreien Großrevieren in ganz Europa: Überall dort hat weder eine Massenvermehrung von Füchsen stattgefunden, noch hat die Häufigkeit von Wildseuchen zugenommen. Es gibt daher auch keinen Anlass zu der Annahme, dass die Situation in Luxemburg sich in den nächsten Jahren anders entwickeln wird.

Jäger ziehen vor Gericht

Vielleicht aus genau diesem Grund will der FSHCL nicht auf die Ergebnisse der Expertenkommission warten, sondern versucht, gerichtlich gegen das Fuchsjagdverbot vorzugehen. Die Argumente, derer man sich dabei bedient, sind reichlich angestaubt und längst widerlegt: Abermals muss der Fuchsbandwurm herhalten; zudem bemüht man eine Studie der niederländischen Organisation SOVON zum Einfluss von Beutegreifern auf Wiesenvögel. Diese soll angeblich den Ausschlag dafür gegeben haben, dass der Fuchs nach einer gut dreijährigen Jagdruhe in den Niederlanden 2005 wieder zum Abschuss freigegeben wurde.

Tatsächlich erfolgte die Jagdfreigabe jedoch bereits vor Abschluss der Untersuchung – und zwar auf massiven Druck der Jägerschaft, die in der damals gerade gewählten Mitte-Rechts-Regierung viele Fürsprecher hatte. Wolf Teunissen und Hans Schekkerman, Hauptautoren der Studie, protestierten damals vehement gegen die Vorverurteilung des Fuchses. Ihre Forschungsarbeiten ergaben nämlich, dass der Fuchs nur einen vergleichsweise unbedeutenden Einfluss auf Wiesenvogelpopulationen besitzt. Zur eigentlichen Kernfrage, ob die Fuchsjagd diesen Einfluss verändern kann, trafen sie überdies gar keine Aussage.

Luxemburg: Vorbild für ganz Europa?  Argumentativ steht die Jägerschaft also auf verlorenem Posten. Es ist daher zu hoffen, dass Luxemburg auch in Zukunft am Fuchsjagdverbot festhalten wird. Was den Wildtier- und Naturschutz angeht, kann das Großherzogtum damit zum Vorbild für ganz Europa werden: Die Schonung von Meister Reineke zeigt exemplarisch auf, dass nicht Jagdlust und Beuteneid, sondern Verstand und Empathie unseren Umgang mit Wildtieren prägen sollten.

Literatur: Teunissen W, Schekkerman H, Willems F. (2006): Predatie bij weidevogels. Op zoek naar de mogelijke effecten van predatie op de weidevogelstand. Gutachten im Auftrag von Sovon ogelonderzoek Nederland, Alterra

Wissenschaftliche Studien zum Fuchs (Vulpes Vulpes)

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